Herr Kleiber und seine Nachbarn

Eine Geschichte von Carola De Marco mit Bildern von Ute Kühler

Wer kennt den besten Winterfutterplatz?

„Also wirklich!“ entrüstete sich Frau Meise und sah Herrn Kleiber strafend an. „Müssen Sie sich denn immer anders bewegen als jeder anständige Vogel?“ Beinahe wäre Frau Meise mit Herrn Kleiber zusammengestoßen, der auf der Suche nach fetten Larven kopfüber den Baumstamm hinunter eilte

 

„Oh, ich bitte um Entschuldigung, verehrte Frau Meise!“ entgegnete der Kleiber wohlerzogen und pflückte einen besonders knusprigen Käfer aus einer Rindenfalte.

 

„Machen Sie es doch wie der Baumläufer,“ schmollte Frau Meise jetzt nur noch ein ganz klein wenig, „der fliegt hübsch manierlich von einer Stammspitze zur anderen Stammbasis und schraubt sich anmutig huschend in die Höhe…“. „Aber nur, weil er nicht kopfüber den Stamm wieder hinunter hüpfen kann, so wie ich,“ schmunzelte Herr Kleiber. Er war insgeheim sehr stolz darauf, als einziger Vogel diese schwierige Kunst zu beherrschen. Doch das sagte er Frau Meise lieber nicht, er wollte, gutmütig wie er nun mal war, sie nicht noch mehr erzürnen.

 


„Sagen Sie, verehrte Frau Meise,“ versuchte er höflich das Thema zu wechseln, „wo bekommen Sie in dieser Jahreszeit eigentlich immer die dicken Sonnenblumenkerne her?“ Er wusste, dass Meisen oft zuerst die neuen Futterplätze ausspähten und sie ihrem Schwarm mit lautem „Ziep, ziep“ verraten. „Ach die sind doch im Winter Saisonware und werden heutzutage überall angeboten,“ erwiderte Frau Meise, „in den Siedlungen der großen flügellosen Zweibeiner stehen doch überall diese Futterhäuschen herum.

 

„Ja gewiss, Frau Meise, doch ich meine nicht diese feuchten unappetitlichen Billigangebote, die vor Keimen und Kot nur so strotzen, sondern gute, trockene und reinliche Ware. So etwas erlesenes wie es halt nur Meisen finden!“ Frau Meise lächelte geschmeichelt und verriet ihr bisher, wie sie glaubte, gut gehütetes Geheimnis: „Sie kennen doch diese herrliche Hecke aus Weißdorn, Hundsrosen und Holunder, etwa dreitausend Flügelschläge von hier in Richtung Sonnenaufgang. Am Walnussbaum und den beiden Haselsträuchern biegen Sie scharf links ab. Kurz hinter der alten Eiche finden Sie einen wunderhübschen Wildgarten mit einem Haus, in dem eine Gruppe von Zweibeinern wohnt, zwei große und drei kleinere. Jeden Tag geht einer von ihnen zum Futterhäuschen, das an einer Wind und Wetter geschützten Stelle steht, schüttet Schmutz und Spelzen fort und legt neue Leckerbissen aus. Super Qualität: trocken, sauber und nahrhaft. Und das allerbeste ist, dass es in unmittelbarer Nachbarschaft ein riesiges Angebot an Insekten, Käfern und Larven gibt. Unter Laub verborgen, in trockenen Staudenstängeln, in der Krautschicht am Zaun, überall finden Sie leckere Happen.“

„Hört sich wirklich gut an. Vielen Dank für den Tipp, das werde ich gleich mal ausprobieren.“ Nun hatte Herr Kleiber es wirklich eilig, sein rastloses Wesen drängte ihn weiter und so war er schnell in Richtung Sonnenaufgang verschwunden.

Der riesige Walnussbaum reckte seine kahlen Äste wie starke Arme in den Schnee verheißenden Himmel. Herr Kleiber untersuchte sorgfältig jede lockere Rindenschuppe und prüfte jede Ritze auf Essbares. Beinahe hätte er die wunderschöne Haselnuss übersehen, die, halb versteckt unter dem Laub, am Fuße des benachbarten Haselstrauches lag. Flink klemmte er die Nuss in eine Baumritze und meißelte sie mit seinem kräftigen Schnabel auf. Ein prächtiger Leckerbissen!

Kleiber fliegt in Richtung Sonnenaufgang
in Richtung Sonnenaufgang

Drüben, an den trockenen Disteln hielt ein Distelfink sein Festmahl und Gruppen von Grün- und Buchfinken tummelten sich unter den Zweigen einer prächtigen Salweide. Amseln stocherten im Laub unter dem Weißdorn herum und stöberten Insekten und Käfer auf. Ein Zaunkönig huschte mausgleich hinterher und nutzte den Vorteil. Herr Kleiber fand eine weitere Haselnuss, welch ein Glücksfall, und versteckte sie im Spalt eines Apfelbaumes. Schließlich ist es Winter und der kluge Mann sorgt vor, nicht wahr?!. Dann hielt er Ausschau nach dem Futterhäuschen, von dem ihm Frau Meise vorgeschwärmt hatte. Dort! Das Warenangebot sah ja immer noch ganz ordentlich aus, obgleich es schon nachmittags war und zwischendurch immer wieder kräftig geregnet hatte. Nun herrschet ein reger Flugverkehr von Meisen aller Art, sogar Herr Sperling und Frau Spatz waren anwesend. Heckenbraunellen huschten unter dem Häuschen hin und her und klaubten fast unsichtbare Köstlichkeiten vom Boden.


Das hier war zwar kein richtiger Wald voller alter Bäume, aber es gab eine ganze Menge an Apfel-, Kirsch- und anderen Obstbäumen. Ein anständiger Vogel konnte es hier ganz gut aushalten. Jetzt fing es an zu schneien. Es wurde langsam Zeit heim zu fliegen in den Wald, dort findet man leichter Schutz vor der weißen Pracht und schließlich wird es ja auch bald dunkel…

Wohnungsnot im Wald

Als Herr Kleiber aus der Lindenallee abbog und in den Buchenwald hinein flog, lag schon eine dünne weiße Schneedecke auf den Wegen. Er kannte eine Baumhöhle in einer alten Eiche, ganz in der Nähe, dort würde er das Schneetreiben abwarten

 

„Piü, piü, piü, wie ungemütlich! Gut dass es noch so alte Bäume gibt, wie diesen hier.“ Der Kleiber schüttelte sich und strich anschließend sorgfältig seine Federn glatt. „Wie läuft das Geschäft denn so, Herr Nachbar? Spechthöhlen sind ja wohl sehr beliebt, wenn ich mich nicht irre,“ fragte er.

„Das will ich meinen. Erst gestern hat mich ein großer Abendsegler angesprochen. Seine Villa wurde Opfer der letzten Durchforstung - Könnte ordentlich an dem Neubau verdienen, aber wo finde ich nur die guten knorrigen Stämme für eine entsprechende Höhle?“ Man konnte dem Specht sein Bedauern über das entgangene Geschäft deutlich ansehen.


„Gibt es denn in den Alleen der Nachbarschaft keine geeigneten Wohnmöglichkeiten?“ fragte er den Specht, denn der verstand schließlich etwas davon.

„Aber ja, Herr Nachbar! Die alten Alleen gehören zu den allerbesten Adressen – nach dem Laub- und Mischwald, natürlich. Alte Alleebäume haben knorrige und brüchige Stellen, an denen unsereins nach Herzenslust hämmern kann. Leider gibt es nicht mehr viele davon. Die Zweibeiner fällen nur allzu oft gerade diese Bäume, weil sie, wie sie sagen 'die Verkehrssicherheit gefährden'. Und das junge Ersatzpflänzchen, das sie dann Baum nennen, ist für einen anständigen Specht nicht mehr als ein Krautstängel. Es dauert ewig lange, bis wieder ein richtiger Baum daraus wird,“ Herr Specht seufzte tief.

„Kürzlich habe ich ein paar Gesprächsfetzen von grün gekleideten Zweibeinern im Wald erhascht,“ sagte Herr Kleiber. „Wenn sie Bäume fällen, dann nennen sie das ernten. Und sie ernten am liebsten Bäume, mit deren
Holz man am meisten machen kann: gerade, hohe und möglichst astlose Stämme, wie die da hinten im Buchenwald“.
„Diese Höhle hier ist ein Glücksfall“ führte der Specht aus, „denn diese Eiche gehört zu einem Wäldchen, in dem die Bäume älter sind und öfters mal eine Faulstelle haben. Dort lässt sich dann leichter hacken - ein wahres Paradies für unsereins.“
„Und da soll es keine geeignete Wohnmöglichkeit für Familie Abendsegler geben?“ fragte der Kleiber.
„Für eine Familie schon,“ entgegnete der Specht, „aber für mehrere Familien ist es doch ein wenig eng hier.“ Herr Kleiber kannte die Villa von Abendseglers. Sie war, nach Kleibermaßstäben gerechnet, riesengroß. Aber weil Abendseglers immer gleich mit der ganzen Verwandschaft einziehen, war sie gerade richtig.
Das Gespräch mit Herrn Specht veranlasste Herrn Kleiber, der noch Junggeselle war, über seine eigene Wohnsituation nachzusinnen. Eine trockene Höhle, die nach frisch gemeißelten Holzspänen roch, viel Platz den
seine zukünftige Lebensgefährtin mit Kiefernspiegelrinde und Blättern auslegen könnte um darin die Eier wohl behütet abzulegen, ja das wär’ wohl was...

Herr und Frau Kleiber gründen eine Familie

Der Frühling hatte sich im ganzen Wald breit gemacht. Die Luft war lau und von überall klang fröhliches Singen, Zwitschern und Flöten.

„Zip, Zip, Frau Nachbarin, haben Sie’s auch schon gehört?“ flüsterte Frau Meise Frau Amsel zu.

„Das ist ja nicht mehr zu überhören,“ lachte Frau Amsel, „Herr Kleiber pfeift es ja von allen Bäumen, dass er eine Braut sucht.“

„Ein so stattlicher Vogel kann es sich auch leisten, so keck seine Wünsche hinauszuflöten,“ stellte Frau Meise versonnen fest.

„Er stammt aus der adeligen Familie der „Sittidae“, deshalb will er natürlich nur eine Kleiberdame von allerhöchstem Rang.“

Sie wusste zwar, dass sie keine Chance bei dem attraktiven Junggesellen hatte, aber ein bisschen schwärmen darf man doch als Meise, nicht wahr?

 „Das wird eine Märchenhochzeit!“ seufzte Frau Amsel. „Herr und Frau „Sitta europea“ geben sich das Ja-Wort…“

Wie in jedem Frühjahr wollten die Vogelhochzeiten kein Ende nehmen. Allen waren Balzrituale und Werbungsgesänge vorangegangen. Besonders feierten die Vögel diesmal die Kleiberhochzeit.